Die Heavy Metal Band nbl/nbl (sprich Nabel/Nabel) sind seit über zwanzig Jahren im Geschäft und ihr Erfolg ist mit der Zeit auch immer größer geworden. Im Moment sind sie auf großer Deutschlandtour und wollen nun nach einem ausverkauften Konzert in Köln drei Konzerte im Sasenheimer Hockeystadion spielen. Natürlich lebt die Band auch das Rock n Roll Image bis zum Ende und so kommt es bei Backstage Partys immer wieder zu Ausschweifungen.

Als aber Maler Meister, der extrovertierte Sänger der Band, auf einer zweifelhaften Vernissage im angetrunkenen Zustand genau über dieses Rock n Roll Leben und die Ausschweifungen im Backstagebereich berichtet, beginnt dieses Konstrukt zu bröckeln. Nach dem Auftritt in Köln haben einige Bandmitglieder es „ein wenig“ übertrieben und die scheinbar willigen Groupies für ihre ganz eigenen Gelüste gebraucht. Doch durch die Aussagen des Frontmanns trauen sich die Opfer nun das erste Mal zu sprechen.
Die Band weiß davon bisher aber noch nichts und plant zwischen den Auftritten erst einmal die drei Konzerte und die anschließende große Backstage Party. Zu dieser sollen viele bekannte Gesichter aus der Musikindustrie, aber auch aus der generellen Promiwelt kommen, um den großen Erfolg von nbl/nbl gebührend zu feiern. Doch auch innerhalb der Band brodelt es, was nicht nur mit den Eskapaden des Sängers zu tun hat.
Da man nun schon so lange zusammen Musik miteinander macht, kennt man sich nicht nur in- und auswendig, sondern man hat sich über die Jahre auch auseinandergelebt und die eigenen Prioritäten anders gesetzt. So genießt der Schlagzeuger nach seinem Coming-out die ruhige Zweisamkeit mit seinem Ehemann, der zweite Schlagzeuger Krass ist immer auf der Suche nach dem nächsten Kick – ganz egal wie dieser aussieht – und Gitarrist Fox, stellt die Band und das Ansehen der Band über alles.
Die Band kann aber definitiv keine schlechte Presse gebrauchen und versucht daher zusammen mit ihrem Manager und der Tourmanagerin das Schlimmste zu verhindern und irgendwie auf die Aussagen ihres Frontmanns zu reagieren. Doch da kommen die ersten polizeilichen Vorladungen bei der Band an, die nicht nur den Vorfall in Köln betreffen.
Fast gleichzeitig plant die Bibliothekarin Liane mit ihren zwei besten Freundinnen ein Mädelswochenende auf einem Hausboot auf der Müritz. Für sie ist dies aber mehr eine Flucht, da sie vor über 20 Jahren auch ein Fan dieser Band war, dieses Thema nun aber weit hinter sich lassen möchte. Liane weiß aber nicht, dass ihre Tochter und ihr Mann unabhängig voneinander für den Samstagabend andere Pläne haben. Durch diese Pläne sind sie kurz davor ihre Leben für immer zu ruinieren.
Mit „Fun“ seinem zweiten Roman kehrt Bela B Felsenheimer wieder zurück in die fiktive Brandenburger Stadt Sasenheim. Doch halt, er kehrt nicht wirklich dorthin zurück, denn wie Liane, eine seiner Protagonistinnen so schön anmerkte, hat der Autor / Musiker in seinem letzten Roman ihren Heimatort ja falsch geschrieben. Dabei handelt es sich aus meiner Sicht um ein sehr gelungenes stilistisches Mittel, da er hier die Grenze zwischen Realität und Fiktion ein wenig durchlässiger macht.
Dennoch ist „Fun“ ein ganz anderes Genre und auch nicht so eine völlig abgedrehte Geschichte wie „Scharnow“. Mit „Fun“ greift Felsenheimer ein Thema auf, welches in den letzten Jahren vor allem durch die Problematik mit einer anderen großen deutschen Rockband immer wieder auf den Tisch kommt. Wie weit dürfen Männer für ein wenig „fun“ gehen und was ist die Position der Frau in unserer eigentlich doch aufgeklärten Gesellschaft?
Dabei stellt sich diese Frage doch nicht erst seit gestern, doch leider sind es immer wieder die Opfer, die sich nach den jeweiligen Taten erklären und alles bis ins letzte Detail beschreiben müssen. So kann ich schon verstehen, dass die Hemmschwelle bei den Opfern immer noch sehr hoch ist und wie Herr Felsenheimer das auch in seinem Roman geschrieben hat, die Angst, dass ein Mann bei der Anzeige das Opfer entweder nicht ernst nimmt, oder an den Ausführungen und der Tatbeschreibung Lust empfinden könnte, eine Frau immer begleitet.
Aber Bela B verarbeitet nicht nur die Backstage Politiken einiger Rockmusiker in seinem Buch. Drogenhandel, Drogenkonsum, Sex-Sucht, Homophobie, die AfD und der leider damit verbundene immer stärker werdende Rechtsextremismus in Deutschland werden in diesem Buch auch kurz behandelt und angeschnitten.
„Fun“ ist ein sehr krasses Buch und definitiv keine lichte Kost. Die Schilderungen sind oft sehr schockierend und als Außenstehender könnte man sich schon vorstellen, dass solche Praktiken im Musikbusiness lange Zeit ein Standard waren. Doch Zeiten ändern sich zum Glück auch und so ist dieses Buch auch eher als eine Art Aufklärung zu sehen. Männer und Frauen sind gleichberechtigt und Frauen sind nicht mehr die Untergebenen des Mannes. Wir leben in einer freien und pluralistischen Gesellschaft. Die Nebenhandlung zum Schluss der Geschichte zeigt dieses noch einmal mehr als deutlich.
Die Lektüre von „Fun“ war für mich nicht immer ganz einfach. Der Wortschatz war mir an manchen Stellen ein wenig zu derb und auch die Verharmlosung von allen Beteiligten, die dieses einfach als „Fun“ betiteln, hat mich schon sehr schockiert. Was im Buch geschildet wird ist kein „Fun“ und ist aus meiner Sicht eine Verletzung der Menschenwürde. Dennoch ist es ein interessantes Buch, welches mich zum Nachdenken angeregt hat. Damit hat Bela B Felsenheimer erneut gezeigt, dass in ihm viel mehr schlummert als „nur“ Musiker, Schauspieler und Hörspielsprecher sondern auch ein talentierter Autor.
Meine Meinung: 9 von 10 Punkten